Alltag von Menschen mit Handicap – Orientierung und Mobilität

Geschrieben von Christina Bohnert am in Alltag von Menschen mit Handicap, Leseecke

„Man muss jedem Hindernis Geduld, Beharrlichkeit und eine sanfte Stimme entgegenstellen.“
Thomas Jefferson 


Mobilität und Orientierung
 

Es gab einen Zeitpunkt bei dem es auf Grund meiner erheblichen Sehminderung nicht mehr möglich war mich sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Somit wurde es für mich unumgänglich ein Mobilitätstraining zu absolvieren. Dies bedeutete für mich mit Hilfe eines Blindenlangstocks wieder mobiler und sicherer im öffentlichen Raum zu werden und dadurch auch an Lebensqualität zu gewinnen.   

Beim Stocktraining musste ich erst einmal die Pendeltechnik erlernen. Der Langstock tastet den nächsten Schritt ab. Somit muss der Fuß immer diagonal zum Langstock sein. Die Technik wurde so lange geübt bis es in meinem Unterbewusstsein verankert war. Erst dann konnte mein nahes und später das weite Umfeld trainiert werden.  

Leider schützt der Langstock meinen Körper nur ab Bauchhöhe bis zum Boden. Mein Oberkörper ist aber ungeschützt. Daher sind Verletzungen gerade im Kopfbereich nicht immer vermeidbar. Weitere Gefahren sind weit herausragende Äste, Dornenhecken, Seitenspiegel von größeren Personenwagen und aufstehende Türen von Autos und Lieferwagen.   

Eine kleine Anekdote aus meinem Alltag:

Ich ging eines Tages auf dem Gehweg entlang und stieß mit dem Stockende auf ein Hindernis. Es war ein Lieferwagen der zu weit auf dem Gehweg parkte, so dass ich gezwungen war ein Stück weit auf der Straße zu gehen. Genau in diesen Moment kam ein Radfahrer vorbei und rief mir zu: „Das kann ja wohl nicht wahr sein, blind und dann noch auf der Straße laufen“!

Orientierungstraining

Es beginnt mit einem kleinen Weg – zum Beispiel von der Wohnungstür bis zur Haustür. Anschließend wird der Weg von der Haustür bis zur nächsten Straßenecke geübt, usw. Dieser Weg wird so oft abgeschritten, bis er sich eingeprägt hat.

Das Blindenleitsystem – Platten mit erhabenen Rillen/Rippen sowie quadratische Platten mit erhabenen Noppen – können mit dem Langstock gut ertastet werden und helfen bei der Orientierung. Zum Beispiel

  • an Bus/Straßenbahnhaltestellen
  • in Bahnhofshallen und zu den Gleisen
  • an Straßenquerungen mit Verkehrsinseln (wenn die Bordsteinkante ebenerdig ist) – ansonsten kann nicht erkennen, ob ich auf dem Gehsteig oder der Straße laufe.

Sobald ich das Haus verlasse muss ich mich verstärkt auf meinen Tast- und Gehörsinn konzentrieren, zum Teil auch auf meinen Geruchsinn. Zum Beispiel in der Stadt –

  • Geruch einer Bäckerei,
  • Kleiderständer – Kleider haben ihren eigenen Textilgeruch
  • Fischlokal, Pizzeria, Imbissstände etc. Diese Gerüche geben mir Anhalt, mich auf meinem Weg besser orientieren zu können.

Mit dem Blindenstock werden Orientierungsmerkmale festgelegt – zum Beispiel

  • gibt die Wurzel eines Baumes Anhalt, dass es die richtige Richtung auf dem Weg ist
  • ein Laternenpfahl
  • eine Einfahrt – der Untergrund verändert sich
  • Ecken und Kanten von Hauswänden – sie geben Halt und Richtung. Ich kann zum Beispiel einen großen Platz nicht ohne Orientierungsmerkmale queren, denn sonst komme ich in einer ganz anderen Ecke an, als gewollt. 
  • ein Kanaldeckel
  • ein Brunnen (auch im Winter, wenn kein Wasser plätschert)

Neben dem Tastsinn ist das zweitwichtigste das Hören. Geräusche geben viel Unterstützung zur Orientierung. Zum Beispiel

  • bei einer großen Straßenkreuzung, die über keine Blindenampel verfügt, kann ich rein durch mein Gehör am Fluss des Verkehrs wahrnehmen, ob die Fußgängerampel rot oder grün anzeigt
  • durch fahrende Autos, Busse oder Straßenbahnen kann ich erkennen, ob ich mich in einer Nebenstraße oder einer Hauptstraße befinde

Erweiterung des Orientierungstrainings

Wege für Behördengänge oder Arztbesuche werden eingeübt, damit ich selbständig Termine wahrnehmen kann. Hierzu muss ich

  • zunächst Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel erkunden
  • die Zeit für den Weg bis zur Haltestelle einplanen
  • die Route (Straßenbahnlinie) abfahren
  • Stockwerk erfragen – ggf. nach Aufzug – hier muss jedoch ein taktiles Tableau (ist nicht nur ein Display, sondern erhabene Ziffern für das jeweilige Stockwerk) vorhanden sein, ansonsten kann ich den Fahrstuhl nicht nutzen.

Mit dem Blindenlangstock kann in diesem Beispiel der Rand einer Hauswand, ein gepflasterter Weg und ein Grünstreifen erkannt werden.

Kanaldeckel können an der Form, am Geräusch und am Untergrund gut als Orientierungsmerkmal erkannt werden.

Mit dem Blindenlangstock können Hindernisse und Bodenunebenheiten ertastet werden.

Die Blindenampel gibt ein akustisches Signal ab und der Pfeil zeigt die Straßenrichtung an.

Beispiel einer großen Kreuzung in der Stadt – die Noppen- und Rillen-Platten geben Orientierung, eine akustische Ampel ist vorhanden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nächste Woche geht es weiter – wir freuen uns auf Euch – Gabi und Christina  ♡

 

Gabi Becker – eine mutige Frau und Pionierin für gelebte Inklusion und Gründerin der Selbsthilfegruppe ‚Blickpunkt‘

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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